Gold als Krisenwährung

Der Goldpreis steigt weiter, obwohl sich die wirtschaftliche Situation etwas entspannt hat. Dieser Trend zeigt, dass viele Investoren noch keine Krisenentwarnung geben und eine hohe Inflation befürchten.

Goldmünzen als Krisenwährung

Taugen Goldmünzen als Krisenwährung?

Der Preis für ein Brötchen beläuft sich auf 100 Euro, ein gefüllter Tank 15.000 Euro. Winterschuhe und Mäntel gibt es nur noch im Tausch gegen Goldmünzen. Die Arbeitslosigkeit schießt auf Rekordstände, doch Regierung und Notenbank sind hilflos. Sie können nur immer neue Schulden aufnehmen und weitere Mittel in den Finanzkreislauf pumpen. Auf diese Weise heizen sie die Geldentwertung aber nur noch mehr an. Am Ende ist der Statt pleite und muss seine Währung einstampfen. Viele Menschen stehen vor dem Nichts.

Nur ein Horrorszenario – oder doch die unabdingbare Folge der Weltfinanzkrise? Immer mehr Menschen rechnen mit Letzterem, selbst wenn sie die galoppierende Inflation in den 20er-Jahren oder die Währungsreform 1984 nicht miterlebt haben. Sie wollen sich absichern – und zwar mit dem Krisen-Klassiker, der seit Jahrhunderten in Finanzkatastrophen schützt: Gold.

  • Sie kaufen es: Weltweit hat sich der Absatz von Gold als Geldanlage im ersten Halbjahr auf 990 Tonnen verfünffacht. Die Nachfrage nach Münzen hat sich verdoppelt.
  • Sie horten und verstecken es: Selbst der Vorstand eines DAX-Konzerns räumt ein, einen ganz persönlichen Goldschatz im Garten seines Ferienhauses vergraben zu haben.
  • Und sie suchen es: Immer mehr Deutsche sieben in Flüssen nach kleinsten Goldpartikeln – wie in Südbaden am Altrhein.

Die Sucht nach Sicherheit hat die Deutschen gepackt – vom Kleinsparer bis zum großen Banker. Die neue Euphorie hat den Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) schon auf über 1000 Dollar getrieben. Je weniger die Menschen Politikern und Banken trauen, umso stärker bauen sie auf Gold. Auch Finanzexperten halten einen gewissen Goldanteil am Ersparten für sinnvoll. Gold ist eine Versicherung gegen extreme Entwicklungen – wie z. B. eine ausufernde Geldentwertung.

Sollten Anleger jetzt also alles auf eine Karte setzen und den überwiegenden Teil ihrer Mittel gegen Gold eintauschen? Keinesfalls. Normalisiert sich die Lage wieder, können Anleger mit zu hohen Goldbeständen Verluste erleiden. Ein Verlust mit Gold? Selbst das ist möglich. Immerhin steigt das gelbe Edelmetall seit acht Jahren und hat seinen Wert bereits vervierfacht.

Für viele Verunsicherte zählt derzeit aber vor allem eine einzige Argumentationskette: Schuldenlawine, Papiergeldflut, Wertverfall. Für diese These spricht, dass die Notenbanken gerade viele Milliarden in den Markt pumpen. Die Verschuldung der Staaten explodiert – in Deutschland um mehr als 500 Prozent seit den 1980er Jahren, in den USA noch deutlich stärker. Die Weltwirtschaft dürfte 2009 laut Internationalem Währungsfonds zum ersten mal seit 60 Jahren schrumpfen. Warum also sollte man komplett ausschließen, dass auch dieses Mal eine Weltflaute die wirtschaftlichen Grundlagen vieler Menschen existenziell bedroht?

Die Verschuldungsorgie ist das beste Rezept für Inflation. Wenn erst mal 10 Prozent erreicht sind, sind 20 Prozent wahrscheinlich – und daraus kann leicht eine Hyperinflation werden. Auch der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschatfsinstituts (HWWI) warnt bereits vor einer Teuerung von fünf bis zehn Prozent ab dem Jahr 2011.

Steigen die Preise, schmilzt der Wert des Geldes. Schon wenn die hohe Inflation nur einige Jahre andauert, verlieren Bargeld und Zinspapiere dramatisch an Gegenwert. In Zeiten extremer Teuerung leiden auch Aktien und Fonds massiv. Sie schneiden nur bei Inflationsraten von bis zu vier Prozent noch vergleichsweise gut ab – so eine Regel unter Finanzexperten.

Und wie steht es mit Immobilien als Geldanlage? Nicht einmal sie (Stichwort “Betongold”) schützen umfassend. So wurden etwa bei der Währungsreform 1948 die Besitzer von Wohnungen und Häusern durch sogenannte Zwangsanleihen geschröpft. Sie mussten ihr Eigentum in der neuen Währung in Teilen nochmals abbezahlen. Gold hingegen behält auch in derartigen Megakrisen stets einen beachtlichen Wert. Und es wird weltweit als Ersatzwährung akzeptiert.

Viele Deutsche, die aus historischer Erfahrung sensibel auf Inflationsgefahren reagieren, greifen daher Gold zu. Vor allem nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers schossen die Goldinvestments in die Höhe. Allein in Europa horteten Anleger Ende 2008 gut 150 Tonnen des Edelmetalls, ein Gegenwert von mehr als drei Milliarden Euro. Zwischenzeitlich wurden sogar Goldbarren und Münzen bei Banken und Händlern knapp. Und die jüngste Konjunkturerholung oder die noch niedrigen Inflationsraten? Viele Goldkäufer halten sie nur für ein letztes Aufbäumen vor dem finanziellen Absturz in die Depression.

Für diese eingeschworene Goldgemeinschaft ist das gelbe Edelmetall aber ohnehin weit mehr als nur eine dröge Kapitalanlage – sondern einer der größten Mythen der Geschichte. Hat nicht König Krösus aus Kleinasien bereits im sechsten Jahrhundert vor Christus Goldmünzen geprägt, um durch eine einheitliche Währung seinen Aufstieg zu ermöglichen? Ist nicht das römische Reich auch deshalb zusammengebrochen, weil der Goldgehalt der Münzen von 97 auf oft nur noch zwei Prozent gesenkt wurde – und die Einwohner so ihr Vertrauen in den gesamten Staat verloren? Außerdem ist Gold, so die Fans, zum aktuellen Preis keineswegs teuer. Würde man den Kurs von 850 Dollar aus den 80er Jahren um die Inflation seither erhöhen, müsste die Unze heute bei 2300 Dollar stehen – und nicht bei lediglich um die 1000 Dollar.

Viele Goldanhänger hegen zudem den Verdacht, dass die Notenbanken den Preis nach unten manipulieren, um das Vertrauen in das Papiergeld aufrechtzuerhalten. Wenn wichtige Volkswirtschaften wie die USA oder Deutschland wieder goldgedeckte Währungen einführten (Goldstandard), dann würde eine Unze sogar 40.000 Dollar kosten.

Das alles überzeugt die Goldskeptiker nicht. Viele kühl kalkulierende Investoren machen von jeher einen Bogen um Gold. Sie fragen sich, warum man für einen fingernagelgroßen Barren, der keinerlei Erträge abwirft, 700 Euro auf den Tisch legen soll. Sie bezweifeln, dass das Metall seiner Rolle als Inflationsschutz tatsächlich gerecht wird. Tatsächlich hat Gold auch richtig schlechte Zeiten hinter sich. In vielen ausgedehnten Phasen verlor das rare Gut kräftig an Wert. So sackte Gold vom einstigen Gipfelkurs bei 850 Dollar 1980 bis 1999 auf nur noch 250 Dollar ab. Und das, obwohl auch in dieser Zeit die Inflation teils recht hoch war. Es dauerte weitere acht Jahre, bis die alten Käufer 2007 wenigstens ihren nominellen Einstandspreis wieder erhielten. Selbst heute, beim Kurs von 1000 Dollar, verbuchen damalige Investoren nach Abzug der Inflation noch Verluste. Zudem müssen Anleger, die Gold in physischer Form kaufen, hohe Kosten akzeptieren. So verlangt etwa die Reisebank, die gerade den Goldhandel massiv ausbaut, für den 1-Gramm-Barren rund 45 Euro – das das Doppelte des Materialwerts.

Selbst bei etablierten und gängigen Anlagemünzen wie dem Krügerrand sind An- und Verkaufsspannen von knapp zehn Prozent üblich. In extremen Fällen können Staaten auch jederzeit das Goldeigentum einfach verbieten. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1933 untersagte US-Präsident Franklin D. Roosevelt seinen Bürgern den privaten Besitz von Gold. Sie mussten ihre Unzen anfangs zum Preis von je 20,67 Dollar abgeben, später für 35. Das größte Problem für die heimlichen Eigentümer: Wer kein Gold besitzen darf, kann es in der Not auch nicht verkaufen, zumindest nicht offiziell.Ein solches Verbot träfe auch viele deutsche Goldeigner. Sie bleiben bisher anonym, wenn sie in Einzeltransaktionen von weniger als 15.000 Euro gekauft haben (Geldwäschegesetz).

Wahrscheinlicher als solche Extremfälle aber sind die Preisrisiken für Gold in gewöhnlichen Zeiten. Goldprognosen sind besonders schwierig, weil neben Inflation und politischen Krisen zahlreiche andere Faktoren mitspielen:

Das Zinsniveau:

Gold wirft keine Erträge ab. Deshalb sind niedrige Marktzinsen wie derzeit gut für den Goldkurs. Anleger entscheiden sich leichter für Gold, weil ihnen dann nur wenig Zinsen entgehen. Umgekehrt drücken steigende Zinsen den Goldpreis.

Der Dollar:

Gold steigt, wenn die US-Währung schwächelt – und umgekehrt. Weltweit stoßen derzeit Investoren ihre Dollars ab und kaufen Gold. Weil er deshalb fällt, verdienen Anleger, die in Euro rechnen, kaum etwas.

Angebot und Nachfrage:

Schon seit Jahren bestellen Industrie und Investoren mehr Gold, als produziert wird. Die Lücke wurde bisher durch Recycling und Zentralbankverkäufe geschlossen. Jetzt gab auch der IWF bekannt, 400 Tonnen Gold zu verkaufen. Experten erwarten, dass China einen Großteil davon erwirbt. Langfristig aber sinken die Erträge der Minen und die Nachfrage in Asien oder den Golfstaaten steigt. Auch die Nachfrage des größten Verbrauchers, der Schmuckindustrie, dürfte nach dem Ende der Finanzkrise wieder zulegen.

Spekulanten:

Aktuell sind weniger als drei Prozent aller Geschäfte an der wichtigen Goldbörse  Comex (USA) mit physischem Metall gedeckt. Insgesamt kursierten Ende 2008 Terminmarkt-Produkte (Derivate) im Wert von 600 Milliarden Dollar. Die meisten Wetten dürften auf steigende Preise lauten. Wenn es anders kommt, müssen die Zocker ihre Positionen auflösen und verstärken dann den Abwärtstrend beim Gold.

Fazit der Experten: Zwischenzeitlich kann Gold durchaus kräftig einbrechen. So werden die Zinsen nicht ewig niedrig bleiben, der Dollar nicht endlos fallen – und auch die Finanzkrise wird irgendwann abflauen. Langfristig aber schützt Gold vor Inflation und zählt zu den erfolgreichsten Anlagen überhaupt. Der US-Dollar, die wichtigste Papierwährung der Welt, verlor seit der Gründung der US-Notenbank Fed im Jahr 1913 erstaunliche 95 Prozent seines Werts. Gold stieg um den Faktor 50.

Das bedeutet für Sparer: Neben Aktien oder Anleihen, die bei kürzeren Anlageperioden meist besser abschneiden, sollte jeder einen kleinen Goldanteil halten, um seine Ersparnisse abzusichern. Sparer sollten ihre Gold-Investments als einen Versicherungsbeitrag für Extremfälle betrachten, auch wenn Gold einmal nicht so gut abschneidet oder im Wert fällt. Der große Vorteil gegenüber klassischen Versicherungsbeiträgen: Die “Goldprämie” wird nie völlig wertlos, auch nicht, wenn kein Schadensfall eintritt.

5. November 2009
Posted in Gold als Geldanlage — goldanlage @ 15:10

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